20110204

Honigglitzergitternetze

(grete stern, hacia 1949)
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Es waren einmal ein Baum und eine Säule. Sie wohnten in ihrer Wohnung inmitten einer kleinen Großstadt und sie liebten einander heiß. Nach sieben Jahren gemeinsamen Lebens beschlossen die beiden ein Kind zu zeugen. Nach einem romantischen Dinner hatten sie hemmungslosen und ungeschützten Sex vor dem Kamin und bald gebar die Säule einen Pinsel. Es war ein sehr guter Pinsel mit Haaren weich wie Samt, die aber trotzdem schwungvoll mit ihrem Maluntergrund umgehen konnten. Die Säule und der Baum liebten es, Linien mit diesem Pinsel zu ziehen. Der Griff des Pinsels lag ihnen wunderbar in der Hand, sodass sie sich nur auf die Richtung der Linie konzentrieren mussten, die sie auf Papier bringen wollten. Es schien ihnen, als würde der Pinsel alles weitere von selbst tun. Es gefiel dem Pinsel. Er lernte mit den verschiedenen Substanzen umzugehen, die sich abwechselnd durch sein Haar wanden. Außerdem waren seine Verwender nach jedem Bild zufriedener als davor, und damit fühlte sich auch der Pinsel in guten Händen.
Eines Tages, als Baum und Säule ausgegangen waren, streifte der Pinsel mit blankem Haupt alleine durch die gemeinsame Wohnung. Ein plötzlicher Luftzug öffnete das Küchenfenster, das gegen einen Honigtopf stieß, der zu Boden fiel und zerbrach. Der Honig bildete einen glitzernden Fleck auf dem Küchenfußboden, der alles umliegende schillernd reflektierte und der Pinsel versuchte sofort die zähe Masse wegzufegen, doch er verbreitete die süße Substanz nur noch mehr in alle Richtungen. Hastig bewegte er sich über sein Unglück, bis er ratlos inne hielt. Lange verweilte er in der klebrigen Masse ohne eine Lösung zu finden, wie er die Holzbretter des Bodens davon befreien hätte können. Also verließ er die Wohnung durch das geöffnete Fenster.
Immernoch klebte der Honig in den Haaren des Pinsels, sodass er eine Honigspur auf den Gehsteigen hinterließ. Bei einem Würstelstand begegnete ihm ein Pappteller und der Pinsel sprach: „Lieber Pappteller, ich habe klebrigen Honig in meinem Haar und ich weiss keinen Rat. Sag mir, wie kann ich ihn loswerden?“ doch der Pappteller wusste keinen Rat.
Der Pinsel betrat eine Trafik gleich hinter dem Würstelstand und sprach zu einer Zeitung: „Liebe Zeitung, ich habe klebrigen Honig in meinem Haar und ich weis keinen Rat. Sag mir doch bitte, wie kann ich ihn loswerden?“, doch die Zeitung wusste keinen Rat also verließ der Pinsel die Trafik wieder.
Bei einer Bushaltestelle dupfte der Pinsel dem Haltestellenschild an die Stange und sprach auch zu ihm: „Liebes Schild, ich habe klebrigen Honig in meinem Haar und ich weiss keinen Rat. Sag mir, wie kann ich ihn loswerden?“, doch das Schild wusste keinen Rat, also stieg der Pinsel in den Bus ein, der an der Haltestelle hielt. Nach ein paar Stationen Fahrt hielt der Bus wieder und ein Bienenschwarm flog summend in das Verkehrsmittel. Sie trugen mit vereinten Kräften einen durchsichtigen Plastikbeutel, gefüllt mit dem brillantesten Honig, den der Pinsel jemals gesehen hatte. Er beobachtete gebannt, wie sich das vorbeifahrende Sonnenlicht in der glänzenden Masse brach. Nach sieben weiteren Stationen drückten einige der Bienen den Knopf, um den Bus anzuhalten, denn der Schwarm wollte aussteigen. Der Bus hielt. Die Tür öffnete sich und der Schwarm flog nach draußen. Hypnotisiert folgte der Pinsel ihm und dem betörend aussehenden Honig. Berauscht von dem Verlangen nach dem Honig stolperte er über eine Parkbank, welche die Bienen vorher elegant überflogen hatten. Der Pinsel überschlug sich derartig, dass sein Stiel in den Blastikbeutel stach und der billante Honig ergoss sich über den Gehsteig. Wieder versuchte der Pinsel, das Missgeschick auf einen Fleck zu minimieren, aber er breitete die klebrige, zähe Flüssigkeit nur noch mehr aus. Genauso hastig wie in der elterlichen Wohnung fuchtelte der Pinsel umher und machte sein Missgeschick nur noch schlimmer. In einer unbedachten Bewegung zog er eine schwungvolle Linie über die Straße auf den anderen Gehsteig und eine Häuserwand entlang. Die Linie gefiel ihm, denn sie glänzte und machte ihren Untergrund schöner. Er zog noch eine, doch die wurde nicht so schwungvoll wie die erste und der Pinsel verweilte verzweifelt in all dem klebrigen Zeug das immernoch am Boden haftete. Die Bienen hatten sich schon längst wieder auf Nektarsuche begeben und er klebte hilflos im Honig. Er war nun vollkommen damit beschmiert. Von seinen Borsten über seinen Stiel. Alles glänzte und klebte. Er erhob sich langsam und träge. Machte sich weiter auf den Weg. Er hinterließ überall wo er hinkam eine glänzende, klebrige Spur. Es war ihm sehr unangenehm.
Nach endlosem umherziehen zog er eines Tages seine Linien um eine Geige, die sich in der Fußgängerzone Kleingeld verdiente. Sie ließ ihre Töne so zäh aus ihrer Geige ströhmen, wie der Honig auf dem Pinsel klebte. Der Pinsel ließ sich davon wiegen und glitt mit seinen Honighaaren über die Pflastersteine und die Hausmauern, über die Fenster und über die Dächer. Immer nur soweit weg, dass er dem Fiedeln der Geige lauschen konnte. Die Geige bemerkte seinen Tanz und wiegte ihn schonend in ihren Klängen. Er strich über Passanten, Mistkübeln, Bänke, Auslagenfester, Verkehrsschilder, Bäume in Erdkreisen gebettet, Polizisten, Briefträger, Autos, Fahrräder mit ihren Fahrern, Litfasäulen, Denkmäler, Kirchentürme und Kunst am Bau. Alles überzog er mit einem glitzernd billanten und klebrigen Liniennetz, zusammengesetzt aus Schwüngen und Geraden und Flächen und verzierte es auch mit Punkten und einzelnen Strichen bis die Geige äufhörte zu fideln. Alles glänzte jetzt und schillerte und die Geige und der Pinsel betrachteten, was sie gemeinsam hinterlassen hatten. Viele der Passanten regten sich über die Klebrigkeit auf, aber andere labten sich am süß reflektierenden Gitternetz. Die Geige und der Pinsel freuten sich und verbrachten die nächste Zeit glücklich und zurfrieden gemeinsam und verdienten ihr Geld mit Honigglitzergitternetzen in der Fußgängerzone.

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